Kritik: Lost in Translation | Sofia Coppola-Special #2

In Cannes wurde Sofia Coppola dieses Jahr als zweite Frau überhaupt mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet. Eine gute Gelegenheit, vor dem Start ihres neuen Films auf ihr bisheriges Schaffen zurückzublicken. Weiter geht es mit ihrem erfolgreichsten Film Lost in Translation.

Eigentlich bedarf es für die Dramödie mit Bill Murray und Scarlett Johansson keinerlei Vorstellung. Die Geschichte um Filmstar Bob Harris (Murray) und die junge Amerikanerin Charlotte (Johansson), die sich in Tokio treffen und dort nicht nur mit ihren eigenen Problemen, sondern auch mit den Tücken der fremden Kultur um sie herum zu kämpfen haben, ist längst zu einem modernen Kultfilm avanciert.

Und das durchaus zurecht: Auf gelungene Weise vermischt Coppola hier Humor mit dramatischen Elementen und verfasst so eine berührende Story um Einsamkeit und Verlorenheit, aber gleichzeitig auch eine schöne Hommage an die Stadt Tokio, die viele Touristen heute wohl auch mit diesem Film verbinden. Es ist der Story deutlich anzumerken, dass Coppola hier froh war, volle kreative Kontrolle zu haben und nicht wie zuvor in The Virgin Suicides auf eine Buchvorlage angewiesen zu sein.

Nichtsdestotrotz gibt es Momente, in denen die Absurdität der Situationen etwas zu übertrieben wirkt und damit dem Realismus und der Nachvollziehbarkeit der Story entgegenwirkt. Hier wäre ein wenig subtilerer Humor in manchen Momenten ratsam gewesen, zumal die Geschichte an sich auch recht ruhig und unspektakulär erzählt ist. Insgesamt aber eine sehr schöne Story und ein großer Sprung von Coppolas letztem Film.

Ein harmonisierendes Paar

Lost in Translation wäre allerdings nichts ohne seine Darsteller, denn der Film ist definitiv eine Charakterstudie. Hierfür hat sich Coppola einen Coup geleistet: Mit Bill Murray und Scarlett Johansson vereint sie zwei herausragende Darsteller ihrer Generation, die in ihrem Zusammenspiel perfekt harmonieren und dem Film so den nötigen Charme geben, um die Story richtig wirken zu lassen.

Murray fühlt sich in der Rolle des frustrierten Schauspielers sichtlich wohl und liefert hier eine der besten Leistungen seiner Karriere ab, weil er es perfekt schafft, dem Rhythmus des Films zu folgen und den Spagat zwischen Humor und Depression zu vollführen. Auf der anderen Seite schafft es Johansson, eine quasi identische Rolle auf ihre eigene Weise auszufüllen und so trotzdem für Abwechslung zu sorgen. Mit weniger harmonierenden Hauptdarstellern hätte der Film sicherlich auch untergehen können, aber hier passt es einfach perfekt.

Die Stadt als dritter Hauptcharakter

Die Kameraarbeit in Lost in Translation regelt sich quasi von alleine, denn der heimliche Star des Films regelt da einiges von alleine: Tokio. Hier muss Kameramann Lance Acord eigentlich nur draufhalten, denn die Ausstrahlung der Stadt mit ihren belebten Straßen und den leuchtenden Anzeigen macht den Look des Films schon selbst zu etwas außergewöhnlichem. Acord fängt diesen Look souverän und ruhig ein.

Sehr schön ist der poppige, leicht melancholische Soundtrack, der ein wenig an Coppolas vorigen Film erinnert, in dieser Kulisse aber noch ein wenig mehr zum Tragen kommt und die Stimmung des Films auf wunderbare Weise unterstreicht.

Gelungene Kombination

Coppola inszeniert ihren zweiten Film als traumhafte, melancholische Erzählstunde. Lost in Translation ist, wie schon erwähnt, eine Charakterstudie, aber die beiden Hauptcharaktere sind nicht ihre einzigen Bezugspunkte: Die Stadt um sie herum fungiert als dritter Charakter, der, auch durch die Erlebnisse der beiden anderen, studiert wird. Der Film hätte nicht einfach in New York oder irgendeiner anderen amerikanischen Großstadt spielen können (es sei denn, die Hauptcharaktere wären Japaner), denn wie der Titel schon sagt, ist es die Verlorenheit der Charaktere in dem fremden Land, die ihre eigene Verlorenheit offensichtlich macht.

Diese Verbindung ist es, die Lost in Translation so einzigartig macht, und Sofia Coppola, die zuvor selbst viel Zeit in Tokio verbracht hat, war wohl die genau richtige Person, um diesen Film zu inszenieren. Sie erkennt die Besonderheiten der japanischen Hauptstadt, die verrücktesten Orte, die speziellen Eigenheiten. Die Fähigkeit, Charaktere in einem besonderen Licht und aus einem bestimmten Blickwinkel zu analysieren, zeigt sich hier und wird sich mit ihrem nächsten Film Marie Antoinette noch verstärken. 

Fazit

Sofia Coppola zeigt hier zum ersten Mal, wozu sie fähig ist, wenn sie ihrer Kreativität freien Lauf gibt und sich nicht auf eine fremde Vorlage verlässt. Lost in Translation ist sowohl ein berührende Beziehungsdramödie als auch eine humorvolle Studie über kulturelle Verständigung, die durch ihre großartig auftrumpfenden Hauptcharaktere und eine einzigartige Stimmung nicht zu Unrecht zu einem Kultfilm wurde.

Lost in Translation

Lost in Translation
8

Story

8/10

    Schauspiel

    9/10

      Kamera

      8/10

        Inszenierung

        8/10

          Sound

          8/10

            Pros

            • grandiose Darsteller
            • gelungenes Setting

            Cons

            • teilweise überzogen

            geschrieben am: 26. Juni, 2017 um 8:17 pm

            Autor:

            Moritz Kunz

            Moritz


            Lost in Translation

            Der Fotograf John (Giovanni Ribisi) ist zusammen mit seiner Frau Charlotte (Scarlett Johansson) auf Geschäftsreise in Tokio und hat dabei wenig Zeit, sich um seine junge Frau zu kümmern. Die japanische Kultur ist ihr fremd, sie fühlt sich allein. Dem amerikanischen Schauspiel-Star Bob Harris (Bill Murray) geht es ähnlich. Mit Jet Lag in den Knochen […]