Filmkritik: Free Fire | Shots fired!

Ben Wheatley gehört sicherlich zu den kontroverseren Regisseuren der Gegenwart. Sein letzter Film High-Rise war 2016 sowohl in einigen Top- als auch in so manchen Floplisten zu finden. Wie sich sein neustes Werk Free Fire schlägt, erfahrt Ihr in dieser Kritik.

Eigentlich sollte alles ganz einfach sein: Eines ruhigen Abends im Jahre 1978 treffen sich die Iren Chris (Cillian Murphy) und Frank (Michael Smiley) mit zwei Helfern und den Vermittlern Justine (Brie Larson) und Ord (Armie Hammer) vor einer alten Fabrikhalle in Boston, um in dieser dem Waffenhändler Vernon (Sharlto Copley), der ebenfalls mit Gehilfen aufwartet, eine Ladung Gewehre abzukaufen. Alles läuft nach Plan, bis sich durch ein paar unglückliche Fügungen und Zufälle die Stimmung etwas hochkocht und plötzlich ein Schuss fällt. Was dann folgt, ist eine der abenteuerlichsten Prämissen der letzten Zeit: Der Rest des Filmes ist nicht mehr, als ein riesiger Shoot-out, eine 80-minütige Actionszene, in dem irgendwann niemandem mehr so wirklich klar ist, wer denn nun überhaupt auf wen schießt und was überhaupt der Sinn dieser verzwickten Situation ist.

Kann das funktionieren? Um es schon einmal vorweg zu nehmen: Ja, es kann. Auch wenn der stärkste Teil der Story sicherlich die ersten 10 Minuten sind, in denen riguros Spannung aufgebaut wird, alleine durch die Tatsache, dass man weiß, worauf die Handlung hinausläuft. Beim Rest des Films ist es natürlich extrem schwer, bei durchgehender Schießerei eine gewisse Spannungskurve zu halten. Dies gelingt Wheatley und seiner Co-Drehbuchautorin und Ehefrau Amy Jump gut, auch wenn sich zwischendurch mal eine kleine Flaute auftut und ein paar in der Exposition ausgelegte Fäden später nicht mehr genutzt werden. Dennoch bietet Free Fire durch bestimmte Wendungen, lockere Sprüche und unvorhersehbare Entwicklungen genügend Abwechslung, um über die volle Laufzeit zu unterhalten und Spaß zu bereiten. Das ist bei einer solch minimalen Story sicherlich nicht selbstverständlich. Ein wenig enttäuschend ist allerdings das Finale, dass für Wheatley-Verhältnisse etwas inkonsequent wirkt.

Eine bunt gemischte Gruppe

Wie zumeist hat Ben Wheatley auch bei Free Fire ein sehr gutes Auge für gelungenes Casting bewiesen. Mit Cillian Murphy (Sunshine) und Michael Smiley (The Lobster) hat er charaktergetreu zwei profilierte, irische Schauspieler für Chris und Frank gefunden, auch Sam Riley (Control) und Enzo Cilenti (Der Marsianer) machen ihre Sache sehr gut. Armie Hammer (Codename U.N.C.L.E.) und Brie Larson (Raum) überzeugen in den vielleicht wichtigsten Rollen als Vermittler, deren Seite in einer Schießerei natürlich wechseln kann. Auch die Gegenseite ist mit Südafrikaner Sharlto Copley (District 9) und u.a. Noah Taylor (Edge of Tomorrow) top besetzt.

Insgesamt hat Wheatley hier einen Cast aus sehr guten Charakterdarstellern zusammengerufen, die mehr oder weniger ins Setting zu passen scheinen, sich aber wunderbar ergänzen und neben allerlei Schüssen auch ein paar sehr unterhaltsame Sprüche austauschen. Damit das große Verwirrspiel nicht im totalen Chaos endet, ist vor allem die richtige Ausstrahlung der Schauspieler ein großer Faktor. Auch wenn die Charaktere allesamt nicht wirklich sympathisch sind, so sind ihre Handlungen aus ihrer Perspektive zu großen Teilen nachvollziehbar. Zudem spielt sich keiner in den Vordergrund, es gibt keine Hauptfiguren, der Zuschauer kann selbst entscheiden, hinter wem er steht und wen er verteufelt. Ein rundum gelungener Cast!

Mitten im Chaos

All das wird von der Kamera gut in Szene gesetzt. Zwischen Durcheinander und Schießereien ist diese immer im Geschehen, ohne jedoch einen kompletten Überblick zu gewähren. Wheatleys Stamm-Kameramann Laurie Rose bleibt immer nah an den Charakteren und lässt den Zuschauer so genau wie sie in der chaotischen Verlorenheit der Lagerhalle umherirren. Dabei scheut sich die Kamera auch nicht davor, die etwas brutaleren Momente einzufangen und genau die richtige Zeit lang drauf zu bleiben, ohne dass es zu unangenehm wird. 

Dazu hat der Film einen schön farbigen Look, der den 70er-Flair des Settings gut unterstreicht. Das Lagerhaus wird schön in Szene gesetzt und damit die Location gut hervorgehoben. Insgesamt eine hochwertige und gute Kameraarbeit, auch wenn es keine besonderen Highlights gab.

Ein gelungenes Experiment

Free Fire ist, wie fast alle Filme Wheatleys, zu gewissen Teilen ein Experiment. Der Regisseur dreht das Prinzip des Kammerspiels, das normalerweise sehr dialoglastig und storyfixiert ist, um und macht eine Actionkomödie daraus. Das ist zunächst einmal eine brilliante Idee, aber auch nicht gerade einfach. Hierzu musste genaustens geplant und choreographiert werden, und was ist dafür die richtige Grundlage? Korrekt, Minecraft. Mithilfe des Sandbox-PC-Spiels kreierte Wheatley die Lagerhalle und choreografierte die Schießerei, um eine möglichst realistische Inszenierung zu bekommen. Und das merkt man dem Film auch an, die Bewegungen der Figuren wirken aus deren Sicht immer schlüssig, Handlungsmöglichkeiten ergeben sich scheinbar zufällig, metaphorische Zahnräder klacken ineinander und geben neue Wege frei, und trotzdem hat man nie einen wirklichen Überblick über das Chaos.

Auch ansonsten wurde sehr authentisch gearbeitet. Charaktere sterben zum Beispiel nicht sofort durch Schusswunden, es wird bis zum bitteren Ende weitergekämpft. Die Einbindung des 70er-Jahre-Settings passt sehr gut und wurde auch durch die Kleidung und diverse Gadgets gut genutzt. 

Letztendlich schafft es der Film, einen schmalen Grat entlang zu wandern, ohne zu übertrieben, zu brutal, zu absurd oder zu dramatisch zu werden. Wheatleys Experiment geht auf, denn er hat eine gute Mischung gefunden. So ist dies vielleicht gleichzeitig sein mutigster wie auch sein massentauglichster Film. 

Unaufdringliche Musik und 70er-Jahre-Sound

Kommen wir zuletzt noch zum Sound. Hier gibt es natürlich die authentische 70er-Musik, so bekommt zum Beispiel Annie’s Song von John Denver eine recht zentrale und fantastisch eingesetzte Rolle. Auch der Rest der Musik passt immer gut zur Situation, es gibt keine Überdramatisierung, meist bleibt sie unaufdringlich im Hintergrund. Trotzdem war es eine gute Entscheidung, gerade am Anfang der Schießerei zunächst komplett auf Musik zu verzichten, um die Spannung der Situation zu verdeutlichen. Insgesamt eine sehr schöne Soundarbeit, bei der man merkt, dass sich dabei meist etwas gedacht wurde.

Fazit

Free Fire ist genau das, was es sein möchte: 90 Minuten Action und Unterhaltung. Auch, wer bisher nichts mit Wheatleys Filmen anfangen konnte, sollte Free Fire eine Chance geben, denn seinen Hang zum Absurden steckt der Regisseur hier ein wenig zurück und präsentiert ein spaßiges, experimentelles Genrewerk, welches allein schon deshalb gesehen werden sollte, damit solche Filme auch weiterhin gemacht werden können.

Free Fire

Free Fire
7.7

Story

7/10

    Schauspiel

    8/10

      Kamera

      8/10

        Inszenierung

        8/10

          Sound

          8/10

            Pros

            • mutige Prämisse
            • spaßige Action
            • schönes 70er-Feeling

            Cons

            • gelegentlich ein wenig monoton
            • leicht enttäuschendes Ende

            geschrieben am: 9. April, 2017 um 1:28 pm | zuletzt aktualisiert am 8. Mai 2017 um 1:59 pm

            Autor:

            Moritz Kunz

            Moritz